Dr. Peter Petermann für WAI

Niederlande: Keine Beweise für die Verbreitung von Geflügelpest durch Wildvögel ! (PDF)

Nach einer Serie von Ausbrüchen der Geflügelpest H5N8 (HPAI H5N8) in Geflügelfarmen in den Niederlanden (Quelle 1) haben die niederländischen Behörden kürzlich zwei H5N8 HPAI-positive Proben gemeldet, die angeblich aus dem Kot von zwei Wildenten stammen, Pfeifenten (Anas penelope) (2). Dies wird als Beweis angesehen, dass Wildvögel verantwortlich für die Einführung von H5N8-HPAI aus Ostasien und ihre weitere Verbreitung in West-Europa sind (2, 3).

Tatsächlich sind diese beiden Proben kein Beweis für diese Wildvogel-Hypothese.

Die holländischen Behörden haben bislang (4.12.2014) keinen umfassenden Bericht über die Umstände der Probenahme aus Entenkot veröffentlicht. Es bleibt daher mysteriös, wie sie sicher sein können, dass die Proben wirklich von zwei verschiedenen Vögeln stammen. Wie bei früheren Geflügelpestausbrüchen in europäischen Ländern gibt es auch diesmal einen irritierenden Mangel an Transparenz bei den epidemiologischen Untersuchungen der Ursachen (für ein gravierendes Beispiel siehe 4).

Was bis jetzt bekannt geworden ist weckt Zweifel an der verbreiteten Interpretation:

Erstens wurden diese H5N8-positiven Proben lange NACH der Entdeckung der Ausbrüche genommen (1.12.2014). Wenn eine realistische Inkubationszeit angenommen wird, dann können die Wildenten erst nach den Berichten über die Ausbrüche in Farmen infiziert worden sein (18.11.2014). In mehr als 1.500 Wildvogelproben, die VOR den Ausbrüchen gesammelt wurden, wurde kein HPAI gefunden (2). Auch in Nachbarländern wurde eine unbekannte Zahl von Wildvögeln getestet, mit nur einer einzigen H5N8-positiven Probe in Deutschland, die gleichermaßen erst NACH der Entdeckung von Geflügelpest in einem Putenbestand in demselben Bundesland gefunden wurde (nach widersprüchlichen Angaben war es entweder eine unidentifizierte Ente, 5, oder eine Krickente, Anas crecca, 6).

Zweitens wurden die Proben in der Region gesammelt, in der auch die Ausbrüche in Hühnerfarmen waren (die betroffenen Farmen liegen zwischen 11 und 25 km im Süden und Westen von der Probenahmestelle bei Kamerik, Utrecht; 1). Daher besteht offenbar die Möglichkeit, dass die Infektion von Wildvögeln in irgendeiner Weise durch die Ausbrüche in Geflügelfarmen verursacht wurde.

Drittens grasen Pfeifenten auch auf landwirtschaftlich genutztem Grünland, wo sie in Kontakt mit Geflügelkot gekommen sein könnten, der als Dünger ausgebracht wird. Solange keine Berichte über das Probenahmeprotokoll und die Labortests vorliegen kann nicht einmal ausgeschlossen werden, dass die Entenkot-Proben vor Ort durch Geflügeldung kontaminiert worden sind, was bedeutet, dass die Wildenten gar nicht infiziert gewesen sein müssen.

Viertens sind in Süd-Korea beträchtliche Zahlen von Wildenten während der Ausbrüche in Geflügelfarmen gestorben (7, 8). Obwohl das Virus sich seither genetisch kaum verändert hat gibt es bislang keine Anzeichen für eine erhöhte Mortalität von Wildvögeln in Europa. Dies ist ein deutliches Indiz gegen eine weitreichende Zirkulation der Viren unter Wildenten, wie sie erforderlich wäre, um die Ausbruchsserie bei Geflügel zu erklären. Wenn die Ausbrüche allerdings nicht bald beendet werden können wird die Wahrscheinlichkeit für eine Ausbreitung auf Wildvögel zweifellos steigen.

Fünftens, da die Quelle für den Vireneintrag in die Geflügelfarmen nicht bekannt ist, ist die Annahme naheliegend, dass eine gemeinsame Quelle sowohl für die Ausbrüche bei Geflügel als auch für Infektionen von Wildvögeln existiert.

Es gibt verschiedene Wege, wie das HPAI-Virus sich zwischen Geflügelfarmen ausbreiten könnte, die durch eine retrospektive epidemiologische Untersuchung nicht nachweisbar wären. Um nur ein Beispiel herauszugreifen könnte der Transport von asymptomatisch infiziertem Geflügel das Virus durch verstreute Federn entlang der Straßen verbreiten. Hausenten sind bekannt dafür, dass sie bei HPAI-Infektionen keinerlei Symptome zeigen. Aus früheren Erfahrungen ist bekannt, dass Ausbrüche in Entenbeständen unbemerkt bleiben können, manchmal viele Wochen lang (wie in Deutschland 2007 festgestellt; 10).

Allerdings kann nicht erwartet werden, dass die Ausbreitungswege der Viren jemals im Detail rekonstruiert werden können. Mit Glück könnten genetische Analysen der Viren-Gensequenzen Hinweise auf die Verbindungen zwischen den Ausbrüchen geben. Bedauerlicherweise werden europäische Gensequenzen von Viren nur noch in der GISAID Datenbank "veröffentlicht" (9), die für die interessierte Öffentlichkeit nicht zugänglich ist (entgegen anderslautenden Behauptungen)*.

* Wir sind inzwischen von GISAID-Mitarbeitern darüber informiert worden, dass diese wichtige Datenbases von Gensequenzen und anderen Informationen weiterhin offen zugänglich ist. Für die Fehlinterpretation entschuldigen wir uns! Alle die sich für die Transparenz von GISAID interessieren werden freundlich gebeten, sich die Details im GISAID database access agreement anzusehen (http://platform.gisaid.org/epi3/app_entities/entities/downloads/epifludb_daa.pdf).


Dr. P.Petermann (15.12.2014)

Quellen

1) http://www.oie.int/wahis_2/public%5C..%5Ctemp%5Creports/en_fup_0000016675_20141204_103516.pdf
2) http://www.rijksoverheid.nl/documenten-en-publicaties/kamerstukken/2014/12/01/stand-van-zaken-vogelgriep-1-december-2014.html
3) http://www.expatica.com/nl/news/country-news/Wild-ducks-are-carrying-bird-flu-say-researchers_441321.html
4)  http://en.wikipedia.org/wiki/2007_Bernard_Matthews_H5N1_outbreak
5) http://www.oie.int/wahis_2/public%5C..%5Ctemp%5Creports/en_fup_0000016576_20141125_170741.pdf
6) http://www.fli.bund.de/fileadmin/dam_uploads/Publikationen/Risikobewertungen/HAPI_H5_Risikobewertung_ 20141125.pdf
7) http://www.wildlifedisease.org/wda/Portals/0/Education/Scientific Task Force on Avian Influenza and Wild Birds H5N8 HPAI 28 Jan....pdf
8) http://wwwnc.cdc.gov/eid/article/21/2/14-1268_article
9) http://platform.gisaid.org/epi3/frontend#1d5a29
10) FLI (17.12.2007, 12.00 Uhr): Epidemiologisches Bulletin Nr. 10/2007. Lagebericht zur Aviären Influenza.- 13 S. (anscheinend nicht mehr auf der Internet-Seite des FLI)