Die Wildvogel-Hypothese – Fragen an das FLI (PDF)
 
Ausgangspunkt: Wie kommen die H5N8-Viren nach Europa?

Seit Anfang November ist in mittlerweile 6 Geflügel-Beständen in Europa ein neuartiger Geflügelpest-Erreger entdeckt worden, das hochpathogene Influenzavirus vom Subtyp H5N8 (HPAI H5N8). Unumstritten ist, dass diese Geflügelpest-Viren aus Süd-Korea eingeschleppt wurden; dies belegen u.a. genetische Vergleiche. In Süd-Korea gibt es seit dem Januar 2014 eine große Zahl von Ausbrüchen v.a. in Entenhaltungen. Zur Frage,  wie die Viren die Distanz zwischen Ostasien und Europa überwinden konnten existieren zwei Hypothesen:

a) die Viren wurden durch interkontinentale Handelskontakte zwischen Geflügelkonzernen eingeschleppt; Wildvögel sind  die Opfer, wenn Viren aus den Geflügelbeständen ausgetragen werden.

b) die Viren wurden von Wildvögeln nach Europa transportiert; Geflügelhaltungen sind die Opfer, wenn Wildvögel Viren eintragen.

Das Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems, die für Tierseuchenbekämpfung zuständige Bundeseinrichtung, vertritt die letztere Hypothese. Dieser zufolge haben sich im letzten Winter wildlebende Enten, vor allem Gluck- und die nahe verwandten Krickenten sowie andere Wasservögel bei Geflügelpest-Ausbrüchen in Süd-Korea mit HPAI H5N8 infiziert. Millionen Hausenten und Hühner wurden dort gekeult. Die Wildvögel trugen die Viren im Frühjahr zu ihren Brutplätzen in Sibirien und verbreiteten sie dort weiter. Im Herbst starteten sie dann in alle Himmelsrichtungen zu ihren Mauser- und Überwinterungsgebieten, d.h. nach Ostasien, nach Indien, an den Persischen Golf, zum Schwarzen Meer, an die Ostsee, die Nordsee, die Atlantikküste, Nordafrika. Jeder Vogel ist  bei einer Infektion nur wenige Tage ansteckend, was bedeutet, dass die Viren seit dem Beginn der Geflügelpest-Ausbrüche in Korea zahlreiche Passagen durch verschiedene Wirtsvögel hinter sich haben müssten. In Europa wurden Ausscheidungen infizierter Wasservögel dann zufällig irgendwie in Geflügelställe eingetragen, was in Deutschland, Holland und England zu Ausbrüchen führte. Soweit die These des FLI.

Diese These ist so lange schlüssig, wie sie einer Konfrontation mit der Realität stand hält. Ob das der Fall ist, lässt sich mit folgenden Fragen überprüfen:

1. Warum starben im Winter 2013/2014 zahlreiche Wasservögel an H5N8, aber nicht im Herbst 2014?

In Süd-Korea wurden im Zusammenhang mit den Ausbrüchen bei Geflügel zahlreiche tote Wildenten (v.a. Gluckenten) gefunden, die dasselbe H5N8-Virus trugen wie das infizierte Geflügel. Das Virus kann also nachweislich tödlich für Wasservögel sein. Genetisch hat sich das H5N8-Virus seit den Ausbrüchen in Süd-Korea nicht wesentlich verändert, dennoch wird es im Herbst 2014 bei toten Wasservögeln nicht nachgewiesen. Nachweise – bislang sehr wenige – betreffen bislang ausschließlich gesunde Wasservögel (dazu unten mehr). Welche Erklärung hat das FLI für diesen  Widerspruch?

2. Warum tauchen H5N8-Viren in Ostasien und in Westeuropa auf, aber nicht auf dem großen Territorium dazwischen?

Infizierte Wasservögel müssten sich während des Sommers 2014 monatelang in Sibirien aufgehalten haben. In sibirischen Geflügelhaltungen und unter Wasservögeln wurden aber bis heute keine H5N8-Viren entdeckt, obwohl auch dort seit 2005 gezielt nach Geflügelpest-Viren gesucht wird. Wenn die Viren mit einem Frachtflugzeug aus Ostasien nach Europa gekommen wären, dann hätten sie allerdings in Sibirien keine Spuren hinterlassen. Spricht dies nicht klar gegen die Wildvogelhypothese und für Handel als Einschleppungsweg?

3. Warum beharrt das FLI auf seiner Hypothese, Gewässer der Arktis seien der Ursprung der Ausbreitung von HPAI-Viren, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen unter Beteiligung des FLI (sowie u.a. russischer und holländischer Forscher) seit Jahren keinen Beleg dafür finden konnten?

Da es keine direkten Zugvogelrouten zwischen Asien und Europa gibt, wird wie bei Geflügelpest-Ausbrüchen in der Vergangenheit auch aktuell darüber spekuliert, dass Gewässer der Arktis als Virenreservoir und „Umsteigebahnhof“ für die Übertragung von HPAI-Viren funktionieren. Gewässer und Wasservögel in Sibirien werden deswegen seit Jahren unter Beteiligung des FLI und Forscher verschiedener Länder auf Geflügelpest-Viren untersucht. Eine Zirkulation von HPAI-Viren dort konnte jedoch nicht belegt werden. Diese Ergebnisse wurden bisher nicht veröffentlicht. Warum nicht?

4. Sibirische Wasservögel überwintern in zahlreichen Ländern, nicht nur in Europa. Warum wurden infizierte Wildenten nur in den Ländern entdeckt, in denen vorher Geflügelpest-Ausbrüche in Nutzgeflügelbeständen stattgefunden hatten?

Sibirische Wasservögel überwintern nicht nur in Europa, sondern auch u.a. in Indien, am Schwarzen Meer usw.. In zahlreichen Ländern findet deshalb ein HPAI-Monitoring bei Wasservögeln statt. Ein Erscheinen von  H5N8-Viren in Europa hätte also vorausgesagt werden müssen. Wie kann es sein, dass H5N8-Viren einerseits unter Wasservögeln so weit verbreitet sind, dass sie fast gleichzeitig in weit entfernten Teilen Europas Ausbrüche in Geflügelhaltungen auslösen, und andererseits im weitaus überwiegenden Teil der Wasservogel-Überwinterungsgebiete völlig unbemerkt bleiben? Ist es wahrscheinlich, dass infizierte Wildvögel nur in den Ländern gefunden werden, in denen es zuvor Geflügelpest-Ausbrüche bei Nutzgeflügel gegeben hat? Dies gilt nicht nur für Deutschland und die Niederlande, sondern auch für Japan.

5. Warum sind infizierte Wasservögel in Europa nicht schon früher entdeckt worden?

Sibirische Wasservögel treffen in Europa ab dem Spätsommer ein. Krickenten sind an den Mauserplätzen schon im August in größeren Zahlen zu sehen. Wenn sie H5N8-Viren eingeschleppt hätten, hätte sich das -  zumindest unter den Wildvögeln - schon viel früher bemerkbar machen müssen. Wie kann es sein, dass H5N8-Viren deutlich später, dann aber gleichzeitig in verschiedenen Teilen West-Europas in Erscheinung treten?

6. Warum gibt es H5N8-Ausbrüche ausschließlich bei Geflügel in großen, geschlossenen Ställen, während im Freiland gehaltenes Geflügel verschont bleibt, obwohl dieses einem Vireneintrag durch Wildvögel viel stärker ausgesetzt sein müssten?

Laut Angaben der EU-Kommission werden 16 Prozent der Legehennen im Freiland gehalten, in Deutschland sind 42,6% der Legehennenbestände Freilandhaltungen (nach Angaben der EU, 2012). Die aktuellen Geflügelpest-Ausbrüche betreffen ausschließlich  Geflügel in Stallhaltungen, die durch Biosecurity-Maßnahmen gegen den Eintrag von Keimen gesichert sind. Auch bei früheren Geflügelpest-Fällen war fast ausschließlich im Stall gehaltenes Geflügel betroffen. Ist es wahrscheinlich, dass zufällig durch das Land fliegende Wildvögel ausgerechnet solche Geflügelbetriebe treffen, die am besten vor diesem  Risiko geschützt sind?

7. Warum werden Protokolle von Wildvögel-Beprobungen und andere epidemiologische Untersuchungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht?
 
Seit Jahren werden in ganz Europa Wildvögel und Geflügelbestände auf Influenza-Viren untersucht. Eine zeitnahe Veröffentlichung erfolgt jedoch nur bei Positiv-Befunden. Ausführliche Protokolle der Untersuchungen werden auch dann nicht veröffentlicht, so dass eine kritische Überprüfung durch Außenstehende nicht möglich ist. Wie ist dieser Mangel an Transparenz  zu vereinbaren mit den für Geflügelhalter aus einem einzigen positiven HPAI oder LPAI-Nachweis folgenden weitreichenden Eingriffen in durch die Verfassung garantierte Rechte (Schutz des Eigentums, Unverletzlichkeit der Wohnung)?

8. Wie zuverlässig und aussagekräftig sind die Nachweise von angeblich gesunden, aber H5N8-positiven Wildvögeln?

Während der H5N8-Epidemie in süd-koreanischen Geflügelbeständen wurden zahlreiche tote Wildvögel mit diesen Viren gefunden. Während der aktuellen Ausbrüche im Herbst 2014, die bislang auf Süd-Korea und Europa beschränkt blieben, wurden keine toten Wildvögel entdeckt. Die Hypothese, dass die Viren unter Wildvögeln zirkulieren stützt sich allein auf 2 Nachweise in Japan (wo es im April 2014 einen Ausbruch bei Geflügel gab) und je einen Nachweis in Deutschland und den Niederlanden - jeweils lange NACH Ausbrüchen in Geflügelfarmen. Sie sind schon daher wenig beweiskräftig, da die Geflügelfarmen als Ursprung der Infektion der Wildvögel in Frage kommen. Unabhängige Indizien für eine Viren-Zirkulation, wie z.B. Totfunde, die diese Laborergebnisse stützen könnten existieren nicht. Es gibt jedoch verschiedene Fehlerquellen, die zu falsch-positiven Laborergebnissen führen können. Dazu gehören u.a. eine mögliche Probenkontamination im Labor oder falsch-positive Befunde an der Nachweisgrenze. Die Verlässlichkeit der Labordaten beruht einzig auf der entsprechenden Versicherung der Labors; eine Überprüfung ist nicht möglich, da jegliche Transparenz fehlt. Dies ist ein rechtsstaatlich bedenklicher Zustand.

9. Warum äußern sich die Behörden der betroffenen europäischen Länder nicht zu alternativen Möglichkeiten der Vireneinschleppung?

Während das FLI in den Medien über Wildvögel und ihre Rolle bei der  Einschleppung von H5N8 spekuliert, bleiben andere Möglichkeiten unerwähnt. Eines der von einem der aktuellen Geflügelpest-Ausbrüche betroffenen Unternehmen hat oder hatte nachweislich  Handelsbeziehungen zu süd-koreanischen Entenzucht-Betrieben. Sollte es hier während der kritischen Zeit Kontakte gegeben haben, die eine Virenübertragung ermöglicht haben könnten (jeglicher Transport von Geflügel, Transport- oder sonstigem Material), dann wäre dies als naheliegendster Übertragungsweg anzusehen - auch wenn der letzte Beweis nach menschlichem Ermessen kaum zu erbringen sein dürfte. Warum gibt es dazu keine Stellungnahme der Behörden? Wie schätzt das FLI diese Möglichkeit ein?